logo_50_jahre.jpg

Schwimmkurs für Erwachsene in Rüsselsheim: Und plötzlich ist die Angst weg

(Mainspitze : Claus Langkammer)

 

schwimmen1Nach dem Läuten kommt Beate Betzler-Will im Badeanzug den langen Gang zur Glastür des Helen-Keller-Therapie-Schwimmbeckens gepitschelt, öffnet und geht voran in tropisches Hallen-Klima. Dort sitzen fünf Damen und Herren im Wasser, deren Anliegen in gewisser Weise ebenfalls ein durchaus therapeutisches ist: Angst vor dem Wasser verlieren, das Schwimmen erlernen.

 

Für die TG-Abteilungsleiterin Schwimmkurse ist es erwartungsgemäß „nicht der Normalfall, dass Erwachsene schwimmen lernen“. Der Normalfall ist, dass Eltern mit den Kindern ins Becken gehen, wenn sie Babies sind. Heutzutage. Hierzulande. Das muss man hinzufügen.

 

 

Wie verhielt es sich einst eigentlich mit dem Kind Beate? Und wo? „Ich war acht“, plaudert die Leiterin von 15 Unterrichtseinheiten zu je einer Stunde dem barfüßigen Reporter am Beckenrand in den Notizblock, während die Herrschaften im beinahe 30 Grad warmen Element, das blauglitzernd schimmert, unmittelbar vor dem großen Schritt in eine Art Urvertrauen sind. „Wer bei uns nicht schwimmen konnte, war ein Außenseiter. Aber wenn Sie so wollen, ist das heute noch so.“

 

„Es tut mir gut“

 

Was waren das für Zeiten in Gelsenkirchen-Buer! „Im Schwimmbad hat der Bademeister noch eine Angel reingehalten. Da mussten die Kinder danach schwimmen. Da ist keiner mit uns ins Schwimmbad gegangen.“

 

Die Antworten auf die Frage nach den Beweggründen für die späte Bekanntschaft mit dem Schwimmen ähneln einander: Keine Zeit, die Umstände, Familien, keine rechte Wahrnehmung des Wassers als Vergnügen und Entspannung, man kommt aus Ländern, in denen das Schwimmen und sein Erlernen durchaus nicht jenen sozialen Wert hat wie hierzulande. Wie sagt der junge Herr aus Indien? „Es war eine kleine Stadt mit wenig Möglichkeiten.“ Und die Dame aus Indien, woher kommt ihre Angst? „Ich denke, ich gehe unter.“ Aber man hört auch Antworten einer Türkin wie „Es tut mir gut“ oder „Alle Muskeln in Bewegung“ oder „Ich will einfach schwimmen können. Es kam ganz von selber“.

 

Aber auch dies mag ein Grund für verspätetes Schwimmenlernen sein: „In meiner aktiven Zeit“, sagt Beate Betzler-Will, „haben in Rüsselsheim drei Schwimmbäder zugemacht: Gerhart-Hauptmann-Schule, Büchner-Schule und Stadion-Bad. Das möchte ich nur mal dazu gesagt haben.“

 

Es folgt ein schöner Satz: „Ich will den Leuten klarmachen, Wasser ist nicht der Feind, sondern sie können sich ihm anvertrauen.“ Sich auf das Wasser legen, Bewegungen machen, gleiten - das zieht sich durch den ganzen Kurs. Und, man staune, es ist nicht ungewöhnlich, dass man bereits am Ende der ersten Unterrichtseinheit schwimmen kann.

 

„Natürlich reicht es noch nicht für den Freischwimmer. Aber man hat keine Angst mehr vor dem Wasser.“ Die TG-Schwimmlehrerin nennt es das Automatisieren der Bewegungen. Vor allem: „Wenn die Angst verschwunden ist, ist das Schlimmste überstanden.“

 

Es geht in medias res. Die ersten Anweisungen („Abstoßen, lange Arme machen und zu mir gleiten, nix bewegen, nur gleiten“) werden allerdings nur von Vieren befolgt. Nummer fünf nämlich muss - erst mal kräftig niesen.

TG 1862 Rüsselsheim (Schwimmabteilung)